Zur Vereinbarkeit von Erziehung und Kindsein

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Lesezeit: 10 Min.

Markus rauft sich gerne in der Kita und haut die anderen Kinder mit allem, was er in die Hände bekommt. Und weil er das so gerne macht, ist das schon die zweite Tagespflege, die er verlassen muss. Erziehung Nebensache.  Hauptsache ist, er macht den Ärger nicht zuhause.

Dagegen ist Peterchens Mutti nicht unbedingt die hellste Leuchte am Himmel. Lässt ihn wie selbstverständlich in Sommersöckchen draußen in der Kälte rumlaufen. Weil ihm ja noch keine Schuhe passen. Und beschweren tut er sich ja auch nicht. Na also.

Und Lisa wiederum darf in der Kita gar nichts. Mutti kontrolliert erst alles, verbietet dann alles und macht der Erzieherin klare Ansagen: Keine Flasche mit anderen Kindern teilen, nirgendwo ohne Aufsicht hochklettern, am besten nichts. Das verwirrt die Lisa sonst.

Es ist eine komische Generation Eltern da draußen – Getriebene auf dem Pfad der Erziehung

Was die einen zuviel machen, das machen die anderen zuwenig. Und meist sogar, ohne es zu wissen! Während die einen übereifrig übererziehen (sind das jetzt wirklich nur die Wohlhabenden?), verstehen die anderen oft nicht mal, was Erziehung eigentlich sein soll.

Meine persönlichen Favoriten sind aber die Bedürfnisorientierten und Familiendemokraten. Soll heißen, das Kind darf sich frei entfalten, ohne groß Vorschriften zu bekommen und obendrein noch gleichberechtigt im Familienrat mitbestimmen. Oder auf gut deutsch: Der Knirps hat die Hosen an.

Leider beobachte ich aber oftmals, dass dieses Sie-einfach-mal-machen-lassen aber nicht dem Freiheitsdrang des Kindes geschuldet ist, sondern eher dem Endlich-mal-kurz-Ruhe-Wunsch des begleitenden Elternteils. Mutti sitzt dann auf der Parkbank und whatsappt und snapchattet und insta…dingst beruhigt vor sich hin, weil der Knirps sich ja alleine beschäftigen kann. Klar, kann und soll er das auch alleine. Nur erklärt ihm meist halt auch keiner, dass Kinder ärgern kein lustiges Spiel ist.

So werden Arschlöcher gemacht

Ich lehne mich jetzt wirklich weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass die Despoten dieser Welt bestimmt auch nicht frühzeitig von ihren Allmachtsfantasien abgehalten wurden. Aber einmal Klein-Donald auf die Finger gehauen, wenn er im Kaufladen wiederholt die Nachbarskinder abzockt. Oder dem kleinen, dicken Un einfach mal die Mittagstorte streichen, wenn er wieder China-Böller bastelt. Das hätte mit Sicherheit was gebracht. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass sie ihren Eltern einfach nur scheißegal waren.

Mann könnte jetzt sagen: Manche Eltern haben einfach eine Macke, die sie – was anderes haben sie wohl selbst nicht gelernt – leider an ihren Kindern ausleben. Da diese sich bekanntlich nur schlecht wehren können, wird die Macke somit direkt weitervererbt. Die Frage ist dann nur noch, ob das Kind diese Macke eins zu eins übernimmt oder sich aus Protest lieber ins gegenteilige Extrem verkehrt. Soweit so gut. Aber warum ist das so?

So (v)erzieht man sein Kind richtig

Die Snowqueen, die in ihrem sehr empfehlenswerten Blog ganz großartig über ihr „gewünschtestes Wunschkind aller Zeiten“ schreibt, hat zum Thema Arschlochkinder ein paar Punkte notiert, die ich gerne für euch zusammenfasse:

Dem Kleinen auf keinen Fall echte Gefühle zeigen!

Da auch negative Gefühle wie Trauer und Wut nicht angeboren sind, sondern erstmal erlernt werden wollen, brauchen die kleinen Stöpsel natürlich auch jemanden, der ihnen das richtig beibringt. Macht das niemand, dann können sie die Gefühle anderer Menschen auch nicht richtig verstehen und schon gar nicht angemessen darauf reagieren.

Wie immer im Leben lernt das Kind also daraus, was ihm vorgelebt wird. Und da ist es einfach nicht hilfreich, ihm mit einem freundlichen Lächeln ins Ohr zu säuseln, dass dir der Holzhammer Aua gemacht hat im Auge. Ungleich dümmer ist allerdings, das Kleine in seiner Verzweiflung anzuschreien, denn sie werden es euch heimzahlen! Spätestens in der Pubertät.

Wenn die Alten aber selbst nicht Herr ihrer Gefühle sind, das Zwischenmenschliche selbst nie gelernt haben, dann gibt es hier auch nichts zu erziehen. Das Balg jedenfalls baut weiter Mist.

Dem Kind niemals auch nur eine Enttäuschung zumuten!

Da Kinder ziemlich schusselig sind und immer alles kaputtmachen, fließen eben auch schnell mal ein paar Tränen, besonders wenn der Schatz mal wieder auf einen Keks getreten ist oder sonst was im Haushalt geschrottet hat.

Die oben erwähnte Helikoptermutti von Lisa würde sich natürlich sofort krumm machen, um dem Engelchen einen neuen Keks zu backen oder das kaputte Spielzeug zu ersetzen. Keine Enttäuschung für Lisa! Und auch kein Spaß: denn zum Klettern trägt sie Gurtzeug und Helm und das Spielgerüst wird natürlich vorher desinfiziert. So unterbindet man erfolgreich Selbstvertrauen und Motivation.

Statt echtem Trost unbedingt Ersatzbefriedigungen anbieten!

Wenn ihr wirklich lebensuntüchtige Kinder haben wollt, dann solltet ihr sie aber bei jedem Wehwehchen mit etwas Materiellem beschenken – je größer desto besser! Kurti ist traurig, weil er die Eisenbahn zertreten hat? Kein Problem. Bekommt er morgen eben eine richtige. Hauptsache, das Blag will nicht wieder die ganze Zeit getröstet werden.

Mit ein bisschen materieller Bedürfnisbefriedigung kann man sich den Trost getrost sparen. Warum sollte das Kind auch irgendwas entbehren? Warum sollte es sich im Leben durch ein noch so kleines bisschen Frust durchbeißen müssen? Eben – eine neue Eisenbahn tut’s auch!

Die eigenen Bedürfnisse immer dem Kind unterordnen!

Unbedingter Gehorsam ist das A und O, wenn man Kinder hat. Schließlich haben wir sie nur zu unserer eigenen Verknechtung erschaffen. Deshalb würden wir ihnen auch niemals Grenzen aufzeigen. Nicht einmal, wenn wir selbst unsere Belastungsgrenze längst überschritten haben.

Wo kämen wir auch hin, wenn unsere Kinder plötzlich lernen würden, Rücksicht auf andere zu nehmen? Die nehmen doch auch keine Rücksicht auf uns, die alten Erpresser!

Erziehung bis ans Limit

Seid jederzeit unberechenbar!

Nur weil jeder sagt, Kinder bräuchten Beständigkeit, einen strukturierten Tagesablauf und all diesen Quatsch, heißt das noch lange nicht, dass es dem Kind schadet, wenn sich Mama und Papa im 5-Minuten-Takt anschreien und wieder vertragen, das Kind anlächeln, anschreien und wieder vertragen. Warum sollte das Kind so kein normales zwischenmenschliches Verhalten lernen?

Lasst euch nicht ausnutzen von dem Winzling!

Der letzte und ultimative Tipp ist einfach umzusetzen: Lasst dem kleinen Hosenscheißer nichts, aber auch gar nichts durchgehen. Kein Wenn und kein Aber, kein Ja und kein Nein. Ihr seid die Stärkeren und ihr könnt den kleinen Pimpf jederzeit dahin tragen, wo IHR hin wollt. Ihr seid die Bestimmter! Und so ein Nein von einem Kind, das etwas nicht machen möchte, ist schließlich auch nicht in Stein gemeißelt. Das kann er sich merken!

Und nun viel Spaß mit unserem Despoten-Baukasten…

Schluss mit lustig

Aber wer bringt denn unseren Kindern jetzt was bei? Schließlich sollen die Bälger doch mal den Planeten regieren. Und ich will auch niemandem Unrecht tun, denn es sind ja oft nicht unbedingt und ausschließlich Intelligenzgründe, die Eltern dazu bewegen, ihren Kinder komische Sachen beizubringen.

In der Erziehung hat sich sehr viel getan seit die Hippies nicht mehr tanzen.

Unzählige Schul- und Erziehungsmodelle wurden aus dem Hut gezaubert und mit den abenteuerlichsten Sozialprognosen versehen. Aber irgendwie …. Ich weiß auch nicht. Anscheinend haben sich aus dem ganzen Erziehungs-Wirrwarr zwei Praktiken durchgesetzt.

Zum einen wurde die Erziehung im Laufe der Zeit immer mehr den Kitas und Schulen, den Erziehern und Lehrern überlassen. Das geschieht normalerweise aus Gründen der Vollbeschäftigung, aus Faulheit oder aus Unwissenheit.

Zum anderen gehen viele Leute offensichtlich davon aus, dass Kinder überhaupt nicht erzogen werden müssen. Das wiederum geschieht dann meist aus reiner Dummheit. Schließlich bekommt man ja Kinder, um sich so wenig wie möglich mit ihnen zu beschäftigen. Und damit sind wir auch schon im Hauptmenü: dem Kinderkriegen.

Entbindung ungleich Entfremdung

Prinzipiell läuft es mit dem Kinderkriegen bei uns so, dass Frau sich vorbereitend mit allerhand Schwangerschafts-Lernmaterial eindeckt und ihren Mann zu einem Geburtsvorbereitungskurs schleift. Wenn das Küken dann geschlüpft ist, kommt (im Idealfall) jeden Tag eine (im Idealfall) nette Hebamme und erklärt dir das ganze Zeug nochmal vernünftig. Wie gesagt: im Idealfall!

Diese sogar staatlich bezahlte Hilfe hat allerdings nur eine begrenzte Wirkdauer. Denn mehr als ein paar Wochen sind nicht drin. Dann ist das liebe Elternglück mit seinem schreienden Newcomer wieder allein zu Haus. Und die besten Tipps helfen nun mal wenig bei 120 Dezibel. Da muss man dann ohne Hebamme durch.

Schon da beginnt bei vielen – ich schwöre – bei wirklich vielen Eltern eine Phase, an deren Ende sie zum ersten Mal nach einer Babyklappe googeln. Denn sie erkennen: Das gibt es Sachen, vor denen hat dich im Vorfeld keiner gewarnt. Und wenn du jetzt noch ein einfacheres Gemüt besitzt, dann bist du in Stresssituationen aber sowas von ruckzuck auf der Palme, daß du mit den einfachen Tipps auch nicht mehr weiter kommst.

Am Limit

Ja, es gibt Leute, die nie gelernt haben, wie man Krisensituationen souverän meistert und dann im Ernstfall völlig impulsiv werden. Wir dürfen dabei aber nicht von uns, den vermeintlich Klügeren, auf die da, die vermeintlichen Nichtsblicker schließen und dann von oben herabschauen. Bei 120 db sind wir mit Sicherheit alle am Limit. Nur nicht alle gehen deshalb gleich in die Luft. Denn auch das ist wiederum Erziehungssache. Und wenn die fehlt ….

Übrigens stelle ich gerade fest, dass Choleriker, die ihre Kinder anschreien – weil die ja mit voller Absicht rücksichtslos sind – im Grunde doch so tun, als ob die Kleinen schon erwachsen wären. Und lustigerweise machen dasselbe doch auch die Bedürfnisorientierten. Oder täusche ich mich da? 😉

Das Problem ist aber, dass da niemand mehr ist, der dir hilft. Niemand erklärt dir irgendetwas, als Eltern seid ihr euch immer selbst überlassen. Eure Freunde können mit eurem Nachwuchs meist kaum was anfangen und die eigenen Eltern erklären einem ständig, das es zu ihrer Zeit ja sowieso nichts gab – oder zumindest nicht das, was ihr euren Kindern heute ermöglichen könnt. Es gibt zwar allerhand Angebote und auch Sozialberechtigungsscheine für allerhand Kinderbespaßung, blöderweise muss man sich dafür aber oft bewegen. Und das ist nun mal ein Grund. Denn wer selbst nicht gefördert wurde, der kann auch selbst nicht fördern.

Erziehung alleine

Erziehung ist also Elternsache?

Wie erwähnt, wurde die Erziehung im Laufe der Zeit anscheinend immer mehr den Kitas und Schulen, den Erziehern und Lehrern überlassen. Ins gleiche Horn tröten übrigens auch die Pädagogen. Und mit Sicherheit beklagen sie sich auch nicht zu unrecht. Denn die Eltern wollten das Kind ja schließlich haben und sind somit auch verantwortlich.

Das klingt alles erstmal nach Rabeneltern, klar! Aber was, wenn die Eltern tatsächlich keine Zeit haben? Oder schlichtweg überfordert sind? Oder es einfach nicht können? Ist es nicht auch im Interesse unseres Staates, die Kinderbürger fit für’s Leben zu machen? Was ja in der Regel auch fit für den Arbeitsmarkt bedeutet. Der Mensch soll doch leistungsfähiger werden, und seinem Arbeitgeber zukünftig noch flexibler zur Verfügung stehen. Das zumindest forderte unlängst der Rat der Wirtschaftsweisen. Und die sind schließlich weise 🙂

Dass die Wirtschaft dem Staat wohl wichtiger ist als die Erziehung,  das sieht man beim Vergleich des Wirtschaftwachstums mit dem Wachstum städtischer Kita- und Kindergartenplätze. Der großspurig angekündigte Ausbau in der Kinderbetreuung wurde großzügig unter den Tisch gekehrt und die Eltern wieder sich selbst überlassen.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gleicht eher einer Sisyphos-Arbeit und verlangt wahre Meisterleistungen der Termin-Akrobatik von allen Beteiligten.

Wir sprechen hier von einer chronischen Nachlässigkeit im sozialen Bereich. Der Sozialstaat privatisiert sich und überlässt mittlerweile einen Großteil der Früherziehung kleinen Ich-AGs namens Tagesmütter. So erwächst gerade eine gigantische Kinder-Betreuungsbranche, die natürlich wundervolle Arbeitsplätze schafft und für gute Arbeitslosenzahlen sorgt. Absicht? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Anschließend werden die lieben Kleinen – je nach Bundesland – durch ein völlig desolates Schulsystem gepresst und lieber mit einer Eins zensiert, damit die Helikopter nicht schon wieder anfangen zu summen. Am Ende haben wir dann dumme Kinder mir `ner Eins. Herrlich, diese Leistungsfähigkeit!

Ich erinnere mich dabei an diesen bekannten Tweet, wonach das Mädel zwar keine Ahnung von Steuern und so weiter hat, dafür aber eine Gedichtsanalyse in vier Sprachen rocken kann.

Resümee

Man könnte nun zusammenfassend schon sagen, daß manche Eltern eine Macke haben. Aber erst jetzt, da wir auch über andere Aspekte der Erziehung, die Rahmenbedingungen und Vorgeschichten nachgedacht haben, müssen wir uns eingestehen, daß wir vielleicht oft zu hart mit sozial Benachteiligten ins Gericht gehen.

Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft – und wenn man es genau nimmt, ist das der Staat – dafür Sorge zu tragen, dass alle Kinder aka alle Bürger die gleiche Chance auf ein gutes Leben bekommen. Es liegt an uns, dafür die Weichen zu stellen!

Prognose

Ich möchte nun wirklich kein Schreckensszenario ausmalen, aber ich befürchte, dass der heutige Lifestyle mit seiner Selbstsucht, all der Gefühlskälte und Profitgier zu viel Einfluß auf unsere Kinder ausüben wird. So werden dann entweder Zombies und Massenmörder heranwachsen, was anderes scheint in diesen Zeiten einfach nicht drin zu sein. Erdogan, Assad oder Trump…  your choice!

Und wo ist jetzt deine Lehre daraus, werdet ihr fragen. Zurecht übrigens! Nun, ich bin ja kein Politiker oder Gewerkschaftsboss, der da kurz mal was dran ändern könnte. Beziehungsweise müssten wir erstmal Unterschriften sammeln und eine Partei gründen und dafür ist mein kleiner Blog hier einfach noch zu schlecht besucht. Ihr müsst mich also viel mehr liken 🙂

Aber wir können – auch wie immer im Leben – zusammenhalten, wo wir Eltern doch gerade durch unsere Kinder überall zusammen kommen, da können wir auch auf andere zugehen und dem einen oder anderen vielleicht etwas Lebenshilfe leisten. Denn genau das ist es, was wir unseren Kleinen doch beibringen wollen: dass wir alle gleich wertvoll sind.

In diesem Sinne: Passt auf eure Kids auf!

Euer Papa Tom

 

Weiterbildungsangebot:

Wer sich immer noch für die verschiedenen Erziehungsstile und ihre Auswirkungen interessiert, der wird -> hier, bei Kindererziehung.com <- fündig.

 

Thanks to Hussein for the amazing pictures:

Titelbild: (Minifig 111/365) Trapped © nur_h/flickr.com CC-BY 2.o

Weitere: [Minifig 113/365] Trip © nur_h / flickr.com CC-BY 2.0

[Minifig 105/365] Rowboat © nur_h / flickr.com CC-BY 2.0

 

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