Dein Gott ist besser als meiner? Warum ich lieber ein Ungläubiger bin

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Al-Aqsa Moschee © Paul Arps

Lesezeit: 5 Min.

Weihnachten ist das Fest der Liebe, sagt man. Das wird mal wieder besonders deutlich, wenn wir uns die Reaktionen auf die Meldung anschauen, wonach eine Lüneburger Schule nach der Beschwerde einer muslimischen Schülerin die Weihnachtsfeier abgesagt hat, weil die sich in ihrem Glauben gestört fühlte. Nicht nur der Boulevard tobt: Shitstorm in den „sozialen“ Medien, die AfD freut sich.

Der Wahrheitsgehalt dieser Meldung sei einmal dahingestellt, zumal der Schuldirektor auch direkt dementierte und andere Gründe für die Absage der Weihnachtsfeier anführt. Das ist Herrn Gauland und Komplizen aber egal, weil das Kind schon wieder im Brunnen liegt und langsam aber sicher abzusaufen droht. Und auch der Schülerin wird es egal sein, sie hat ja ihren Willen bekommen.

Nun versuchen also alle, die Geschehnisse zu rekonstruieren, zu beschwichtigen und dem ganzen Theater die Schärfe zu nehmen. Das Grundproblem bleibt aber weiterhin bestehen: Es herrscht so eine Art verbaler Glaubenskrieg und ein jeder „glaubt“, sein Gott hätte den Größten, den Längsten, sei legitimer, whatever… .

Wir leiden an Glaubensintoleranz

Nun hatte sich die Schülerin also im letzten Jahr (!) darüber beschwert, dass sie mitten im Unterricht mit christlichen Weihnachtsliedern konfrontiert wurde. Das ist zwar nicht schön und ich hätte da auch keinen Bock drauf, aber seien wir mal ehrlich: Das juckt doch keinen! Als Schüler musst du im Unterricht allerhand Sachen ertragen, auf die du absolut keinen Bock hast. Schaffen wir deshalb Chemie ab oder Latein? Natürlich nicht.

Das Mädchen scheint aber in ihrer religiöse Überzeugung wirklich schwer getroffen worden zu sein und erbat sich deshalb, dass sich gefälligst alle Mitschüler nach ihren religiösen Vorstellungen zu richten haben. Und genau da fängt das Problem an: Was geht den Rest der Schule ihre Religion an?

Andererseits verstehe ich aber in unserer, ach so säkularen Gesellschaft auch nicht, warum im stinknormalen Unterricht plötzlich religiöse Lieder gesungen werden müssen. Auch das ist eine Unart, anderen Menschen einen Glauben aufzwängen zu wollen, der in unserer Gesellschaft längst keinen Platz mehr hat. Da darf man ruhig auch mal von christlichem Fundamentalismus reden.

Und trotzdem: Dass in unserem Land zu Weihnachten auch Weihnachtslieder gesungen werden, sollte mittlerweile auch im islamischen Kulturkreis angekommen sein. Das Problem ist aber kein muslimisches, auch wenn der Islam gerade federführend ist im weltweiten Religions-Bashing. Das Problem ist doch vielmehr, dass viele Menschen einfach absolut intolerant sind, wenn es um andere Glaubensrichtungen oder gar um Nichtgläubige geht. Nicht nur im Islam!

Um dieses Problem zu lösen, wäre es tatsächlich mal angebracht, sich intensiver mit dem anderen Glauben auseinanderzusetzen. Und dabei hilft es mit Sicherheit, sich auch einmal mit deren Traditionen auseinander zu setzten. Keine Sorge: Man muss nicht unbedingt mitsingen und durch reines Zuhören wird man auch nicht automatisch zum Christen, Gott bewahre!  😉

Ich selbst bin im besten Fall Agnostiker, lasse mich also gerne mit vernünftigen und intelligenten Argumenten überzeugen. Die bleiben aber in der Regel aus, auch wenn ich es schon oft versucht habe. Insofern bin ich natürlich ebenfalls glaubensintolerant. Der Unterschied ist jedoch: Ich lasse die Christen ihre Weihnachtslieder singen!

Muslimische Weihnacht

Die Frage, die sich ganz nebenher stellt: Wie sieht sie eigentlich aus, so eine muslimische Weihnacht? Das gibt es natürlich nicht, ich weiß. Aber wie würde sie denn aussehen, wenn nicht mit traditionellen Weihnachtsliedern und so weiter? Nur mal so zum nachdenken…

Aber vielleicht stellt sich diese Frage auch nicht wirklich, da wir zum Beispiel in Jerusalem – statt dem Fest der Liebe – gerade mal wieder die Tage des Zorns erleben. Dort streiten sich zwei Weltreligionen darüber, wem die Stadt denn nun wirklich gehört. Und anders als nach anderen Kriegen, wo es hinterher einfach Grenzlinien gibt, nimmt sich hierbei die gesamte Welt das Recht heraus, bei diesem undankbaren Prozess mitreden zu wollen. Denn es geht hier nicht um Israel oder Palästina, es geht um Religionszugehörigkeiten. Und die sind bekanntlich ja heilig.

So wird dieser Konflikt denn auch in die Welt hinausgetragen und stellt das gesellschaftliche Miteinander vielerorts erneut vor eine Zerreißprobe, ohne jegliche Rücksicht. Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und dazu noch die verhasste westliche Ungläubigkeit: da kommt einiges zusammen. Und irgendwie denkt ein jeder, dass sein Glaube am Ende der wahre Glaube sei und sein Gott natürlich der alleinige. Dass Milliarden anderer Menschen was ganz anderes glauben, das interessiert dann niemanden.

„ICH, mein GOTT, meine RELIGION, wir sind viel heiliger als euer ganzer Scheiss.“ Ist das nicht einfach nur ein ganz beschissener Egoismus, mit dem sich ganze viele sogenannte Gläubige schmücken?

Und tut man seiner Sache damit wirklich einen Gefallen? Macht man die Welt wirklich besser, indem man Andersgläubige verschmäht und bekämpft? Oder sorgt man neben Feindschaft nicht auch für die Resignation der eigenen, gemäßigten Glaubensbrüder? Wo Religion nicht mehr darauf ausgerichtet ist, die Welt zu verbessern, da verliert sie nämlich jegliche Legitimation.

Keine Lösung ohne Konflikt

In diesem Sinne bin ich allen Glaubenskriegern eigentlich schon wieder dankbar, denn wie der Soziologe so gerne sagt: Ohne Konflikt gibt es auch keine Konfliktlösung! Vielleicht muss der ganze Scheiss einfach mal ordentlich eskalieren, was ich persönlich aber keinem wünsche.

Im Grunde genommen ist Religion ein Relikt, das zu Recht seinen Einfluss in einer Welt

verliert. Es gab mit Sicherheit auch Zeiten, in denen ein grenzübergreifendes Gesetzeswerk in Form einer heiligen Schrift wirklich Sinn gemacht hat. Das ist aber schon viele Jahrhunderte her.

Auch wenn es keiner hören will: Der Großteil der Weltbevölkerung fährt heute mit seiner landeseigenen Justiz sehr viel besser, als mit göttlichen Geboten, die ja unfassbaren Deutungsspielraum zulassen. Der zerstrittene Islam ist ja das beste Beispiel. Dich gefolgt von den ultraorthodoxen Siedlern, die ebenfalls einen Scheiss auf eine friedliche Nachbarschaft geben. Welcher Gott bemüht sich denn hier um Frieden, Menschlichkeit und Brüderlichkeit?

Auch wenn man harmlose Blogger auspeitschen möchte, dann darf man sich selbst als Staat natürlich auf den überaus gütigen Allah berufen, den Gott der Friedfertigkeit und der Liebe, der immer Recht hat und unsere Welt mit Sicherheit besser machen wird.

Man könnte bei soviel Fanatismus aber auch all diesen Spinnern den Stinkefinger zeigen und ihnen ein für alle Mal erklären, dass uns ihre Religion am Arsch vorbeigeht und sie sich trotzdem für jegliches Verbrechen vor der menschlichen Justiz zu verantworten haben. Das wäre konsequent.

Fuck you all

Und genau das ist die Lösung, die bisher ungehört blieb: Es wird allmählich Zeit, dass die normal denkenden Menschen mal aufstehen und sich nicht länger von den Irrgläubigen ihr Leben vorschreiben lassen. Von Moralaposteln, deren Geschäft seit Jahrhunderten nur aus Verheißung und der Androhung von Höllenqualen besteht. Und auch heute lassen wir lieber afrikanische Kinder verhungern, da Kondome ja Teufelszeug sind. Sehr menschenfreundlich.

Ich meine, im 21. Jahrhundert ist kein Platz mehr für solch einen Humbug. Denn der moderne Mensch ist ohne Religion viel freier, brüderlicher und friedvoller, als unter dem Joch seiner zürnenden Götter. Und das ist es, was wirklich zählt.

Genau deshalb kann ich auch frohen Herzens Weihnachten feiern, auch wenn ich kein Wort davon glaube. Aber zu sehen, wie mein Kleiner die Lichter am Weihnachtsbaum anfunkelt und sich dann über seine Geschenke freut, wenn die Familie nach langer Zeit mal wieder zusammenkommt und sich einfach nur darüber freut, das ist für mich der wahre Geist der Weihnacht.

Die Freude, die Ruhe, die Liebe: All das gibt es zwar auch unter’m Jahr, aber unter’m Weihnachtsbaum zusammen mit den Menschen, die einem wichtig sind, ist es eben doch gemütlicher. Denn die Tradition, sich in besinnlicher Runde zu treffen und etwas Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen, die kann nicht falsch sein. Aber ein besserer Mensch wird man dadurch eben auch nicht automatisch.

Papa Tom wünscht allen Menschen auf der ganzen Welt ein frohes und friedliches Weihnachtsfest

Titelbild: Al-Aqsa mosque (Jerusalem, Israël 2013) © Paul Arps, Flickr.com, resized CC-BY-2.0

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